"Gummikuh" Artikel

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Gobi
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"Gummikuh" Artikel

Beitrag von Gobi » 30. Dezember 2002, 14:59

Die rote EMW aus Eisenach

Die Restauration einer EMW R35/3 mit Stoye-1 Seitenwagen
aus "Gummikuh" 15. April 1994

Restauriert hatte ich schon diverse Motorräder, als ich mich dazu entschloß, daß es auch gerne mal eine DDR-Maschine sein könnte. Bisher hatte ich es mit V7 von Guzzi oder auch kleinen Sachs-Zweitaktern wie Miele K 100 und Bismark versucht.
Nach einem gewissen Lehrlauf war es mal wieder soweit. Ich las diverse Motorrad-Oldtimer Zeitschriften und fand auch ein Angebot, das mich ansprach. Eine EMW sollte es sein, und möglichst als Gespann. Es sollte bewußt ein Motorrad sein, was aus den Gründerjahren des ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaates stammte. Allein die Änderung des blau-weißen Emblems in ein rot-weißes mit der Inschrift "Eisenacher Motorenwerke" mußte für die damaligen Bayerischen Motorenwerke eine Provokation gewesen sein. Außerdem wollte ich es selbst wissen, ob die ständigen Vorurteile einiger BMW-Fahrer gegenüber der "Ostblock" -BMW sich bestätigten. So hörte ich Dinge wie schlechte Gußqualität des Motorengehäuses oder schlechter Stahl oder Schweißungen, die nicht hielten, oder. oder, oder!
Nun. die Abstammung der EMW von der 1937 für das faschistische Militär gebauten BMW R35 Geländesport, die wiederum von der R4 abstammte, ist nicht zu leugnen. In großen Stückzahlen wurden beide Typen an die faschistische Wehrmacht geliefert. Woher allerdings die Geländesport-Fähigkeiten kommen sollten, ist bis heute ein Rätsel geblieben. Die Wahrscheinlichkeit, daß BMW kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges mit einem für die Wehrmacht tauglichen Motorrad präsent sein wollte, um an den kommenden Rüstungsprofiten teilzuhaben, ist nicht von der Hand zu weisen. So ist bereits die Produktion zu Beginn des zweiten Weltkrieges von München nach Eisenach verlegt worden, somit man doch mit erheblich weniger Luftangriffen der Alliierten rechnen mußte. Dieses wirkte sich natürlich aus heutiger Sicht für die BMW-Werke nachteilig aus, da nach dem zweiten Weltkrieg das Gebiet Thüringen an die damalige sowjetisch besetzte Zone fiel. So begann man in der damaligen SBZ bereits 1946 mit der Fortführung der zunächst noch unveränderten R35-Version.
Natürlich kam es zu Spannungen der jetzt voneinander unabhängig arbeitenden Betriebe, die beide aber unter dem blau-weißen Emblem arbeiteten. So kam es da/.u, daß es später eine Namensänderung in EMW geben mußte, und da es auch um die Darstellung politischer Gegensätze ging, machten die Eisenacher prompt aus dem Weiß-Blau natürlich ein Weiß-Rot.
Aber nicht nur das Emblem wurde im Laufe der Jahre geändert. So wurde eine Hinterradfederung konstruiert und die Teleskopgabel in eine hydraulische verändert, was das Erscheinungsbild einer BMW R35 zur EMW R35/3 doch anders darstellt. Sie wirkt länger und schlanker als ihr Vorläufer von BMW, der doch mehr ein gedrungenes und behäbiges Bild abgibt. Ein weiteres Detail ist der Umbau von Hand- auf Fußschaltung, wobei es für den Handbetrieb auf der rechten Seite noch einen zusätzlichen Handhebel gibt. Des weiteren gab es optische Veränderungen. So wurde der Sozius nur noch von einer mittleren Feder gehalten, die Hupe seitlich montiert, das Rücklicht wurde durch eine Art Eberform ähnlich wie bei einigen BMW-Modellen ersetzt. Selbstverständlich wurden auch der Brems- und Kupplungshebel dem Stil der 50er Jahre angepaßt, und das DDR-Einfachtacho durfte nicht fehlen.
Von Unproduktivität konnte man in den Gründerjahren der DDR. was den Bau dieses Motorrades anging, nicht sprechen, denn es wurden in Eisenach mehr Motorräder dieses Typs gefertigt als in München vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Sicherlich geschah dieses auch im Rahmen des wirtschaftlichen Wettbewerbs der beiden Systeme, und man muß es einfach anerkennen, daß die Menschen den Mut aufbrachten, gegen den Giganten BMW anzutreten. Viele dieser Modelle wurden allerdings auch nicht auf den kapitalistischen Weltmarkt gebracht, sondern gingen auch zu einem großen Teil als Reparationszahlungen des zweiten Weltkrieges in die
ehemalige Sowjetunion und andere sozialistische Länder.
Am 8.4.1991 machte ich mich dann auf die Socken nach Braunschweig, mit Anhänger bewaffnet und Geld dabei. Ich kam also völlig unproblematisch in Braunschweig an und wurde von einem ehemaligen DDR-Bürger begrüßt. Da stand es nun, das Fahrzeug der VEB -Automobilwerke EMW. Es stand schön warm in einem Party-Keller mit Teppichboden und sprang ziemlich direkt nach dem ersten Ankicken an. Optisch hatte sie allerdings sehr gelitten, was mich aber durch meine bisherigen Erfahrungen nicht abschreckte, sie zu kaufen. So ging es ab nach Kiel zum Restaurieren. Ich zerlegte erst einmal wie üblich alle Teile und hatte natürlich zuvor den Fotoapparat zum Einsatz gebracht. Typisch für DDR- Oldtimer ist, daß sie in den meisten Fällen fahrfähig sind, da sie oft bis zuletzt benutzt und gefahren werden. So auch hier. Der Motor schien bereits überholt, denn Lager und Kurbelwelle waren spielfrei. Genauso waren im Zylinder noch die Spuren durch das Zylinderhonen zu sehen, und der Kolben samt Ringen hatte kaum Ablagerungen durch die Verbrennung aufzuweisen.
Mit Motor und Getriebe war ich zufrieden. Was zu erneuern war, stellte sich im Prinzip als Null -Problemo dar. So bestellte ich mir einen Nachbau der Auspuffanlage, und man verzeihe mir, daß ich die Fischschwanzform wählte, ich fand sie einfach schöner. Ein neuer Kabelbaum mußte her, die Kupplung baute ich komplett neu ein, wobei sich dieses nicht als unbedingt einfach erwies.
Nun ein Zugeständnis an die BMW-Kollegen. Als ich die Hinterradfederung demontierte, stellte ich fest, daß die Achsaufnahme, also das Auge, das als Klemmsystem vorgesehen ist, gebrochen war. Es war ein schlechter, stark poröser Guß. Der Versuch, die Bruchstelle zu schweißen, scheiterte, obwohl ich hierfür einen befreundeten Kollegen eingespannt hatte, dessen Schweißerfahrung darin bestand, sich ein 12 m langes Aluminiumboot zu bauen. Also mußte ein neues Teil her. Keiner wollte so richtig eins herausgeben. Ich stellte fest, daß es sich hierbei anscheinend nicht um eine Einzelerscheinung handelte.
Was ich jetzt erzähle, wird man kaum für möglich halten, aber es ereignete sich so: Mit meinem Freund Karl-Heinz fuhr ich nach Thüringen, um seinen Schwager zu besuchen. Es dauerte nicht lange, und ich kaufte dort viele kleine Kostbarkeiten ein, um meinem Hobby zu frönen, u.a. einen IWL- Roller Berlin. Ich erkundigte mich im Dorf Gräfenhain nach einem dazugehörigen Einspuranhänger. Ich erfuhr, daß oberhalb eines kleinen Berges (wobei für mich als Norddeutscher bereits jeder Hügel ein Berg ist) sich eine wilde Müllecke aufgetan hatte und dort noch so ein Anhänger stand. Nichts wie hin - und tatsächlich, da war er. Aber ich traute meinen Augen nicht. Daneben lag ein zerschnittener Rahmen einer EMW mit der kompletten Achsaufnahme. Ich fühlte mich wie Hans im Glück.
Die Restaurierung nahm dann eigentlich einen unproblematischen Verlauf. Unverschämt empfand ich den Preis für die neu angebotenen Bremsbeläge, so daß ich auf das altbewährte Bremsband zurückgriff, was in der Industrie oftmals im Maschinenbau Verwendung findet. Wie man auch sehen kann, habe ich der EMW ein stärkeres Chrompaket verpaßt, was man mir verzeihen möge, wenn man auf absolute Originalität besteht. Originell empfand ich die mechanische Verstellung des Abblendlichtes über ein Seilzugsystem, wobei zu erwähnen ist, daß mir leider der Original-Verstellhebel bis heute fehlt.
Nicht ganz ohne war die Wiederherstellung des Seitenwagens Stoye I. Der Stoye I hat ein sehr spitzes, kanu-ähnliches Boot.
Mit diesem Boot mußte der Vorbesitzer öfter angeeckt sein, denn die Spitze des Bootes war krumm und verbeult. Diese spitze Form machte mir deshalb auch beim Ausbeulen zu schaffen. Ich war gezwungen, den Boden des Bootes zu öffnen, um die Aluminiumflächen wieder ins rechte Lot zu bekommen. Ganz ist es mir nicht gelungen, denn die Aluhaut war sehr weich, und hatte ich eine Beule raus, war die andere wieder drin. Trotzdem, mit viel Geduld und Beharrlichkeit war die Form wiederhergestellt, von kleinen Dellen abgesehen. Mit Filz und Polierpaste wurde das Alu poliert, und man kann sich fast wieder drin spiegeln.
Die Maschine und das Seitenwagengestell wurden dann gestrahlt, verzinkt und neu lackiert, wobei der Lackierer mit den vielen weißen Streifen eine Menge Arbeit hatte, denn diese sind lackiert. Das heißt, erst eine weiße Schicht, die dann später abgeklebt wird, dann schwarz lackiert, später Klebestreifen abziehen und die ganzen Teile nochmals mit Klarlack überziehen.
Es gibt nichts Schlimmeres, als bei alten Maschinen die Streifen aufzukleben, denn original sind sie ab Werk meist von Frauen mit der freien Hand gezogen worden. Da man die originalen Goldstreifen des Seitenwagenbootes noch gut sehen konnte, habe ich diese auch frei aus der Hand nachgezogen. Leider fehlen mir noch die beiden Embleme am Seitenwagen, die sich bereits als eine Rarität entpuppten.
Das Fahrgestell des Seitenwagens war gut erhalten, und ich wechselte sämtliche Schrauben und Muttern gegen nichtrostendes Material aus. Die mittlere Zugfeder und die Gummis, die für den Federungskomfort des Bootes wichtig sind, wurden erneuert. Die Zugfeder war so vergammelt, daß ich sie beim Auseinanderbauen mit der Flex trennen mußte. Das Boot schwingt jetzt gut durch, ähnlich wie bei dem dänischen Bender-Seitenwagen. Der Versuch, den Sitz zu erhalten, stellte sich als Fehlschlag heraus.
Die Innereien der Rückpolsterung hatten einen fast 40jähri-gen Geruch angenommen, der selbst nach drei Tagen des Austrocknens nicht mehr rauszukriegen war. Es blieben also
das leidige Holzgestell als Orientierung über und das Metallgestell des Sitzes, wobei auch hier die Federn und Drähte erneuert werden mußten. Mit neuem Filz, rotbraunem Skaibezug löste ich das Problem Sitz an einem Vormittag.
Die größten Schwierigkeiten stellten sich beim Neuaufpolstern mit den Ecken heraus. Ich
gab mein Bestes, und ich ließ die Ecken wie ein Fächer immer überlappen, so daß sich die Ecken in Falten rund auflegten. Anders ging es nicht, denn eine Ledernähmaschine stand nicht zur Verfügung.
Nachdem es nun vollbracht war, Motor eingestellt, und sie sprang nach drei-, viermal Kicken an. Diesem immer wieder erhebenden Gefühl folgte selbstredend die Probefahrt. Nun bemerkte ich, Kupplung und Bremse mußten noch mal korrigiert werden, wobei sich mein verwendetes Bremsband als gut greifend herausstellte. Das Motorrad läuft behäbig, faßt schnaufend. Der Seitenwagen ist weit vom Motorrad weg, und man sitzt tief in der Maschine drin. Gerade aufrecht sitzend macht sich der Rücksitz im Kreuz bemerkbar. Alles in allem aber eine lohnende Restaurierung und ein schöner Fahrspaß.
Text : Detlef Ganzel
Fotos : Archiv Ganzel

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Schade, das es diese Zeitung nicht mehr gibt, ich habe den Artikel nur als Kopie bekommen, es wäre sehr schön wenn jemand die Fotos einscannen könnte.
Wenn du tot bist, dann bist du lange Zeit tot.
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Thurisaz
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Beitrag von Thurisaz » 4. März 2003, 21:41

Aber.....was zum Teufel,ist eigentlich Bremsband???????
Das würde mich echt interessieren!

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Beitrag von lorchen » 4. März 2003, 21:49

Gobi´s Artikel kommt mir bekannt vor, hab ich irgendwo schon mal gelesen. Bremsband ist eine uralte Sache für Bremstrommeln mit außenliegender Reibfläche. Das Band liegt locker außen um die Trommel und wird beim Bremsen festgezogen.

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Beitrag von Holger » 6. März 2003, 15:02

Bremsband ist Bremsbelag als Meterware. Man kann alles damit machen. Verwendbar auch in normalen Bremstrommeln. Der Belag wird entweder aufgeklebt oder aufgenietet. Bremsband liefert heute noch TMD (ehemals Cosid) in Coswig in verschiedenen Breiten und Dicken. Gern wird Bremsband als Bremsbelag für alte Traktoren verwendet. Oder natürlich für Oldtimer. Ich weiß das EMW-Maß nicht aus dem Kopf, z.B. 25x4mm kostet ein Meter 5,62€. Löcher bohren, senken und Aufnieten. So einfach geht das.

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Beitrag von Thurisaz » 6. März 2003, 18:00

Fetzt ja,das müßte doch auch mit Kupplungsbelägen funktionuckeln,oder?
Aber,wenn das Zeug Meterware ist,dann ist es doch weich,oder?
Mit welchem Kleber wird das Aufgeklebt,kann man das selber machen?
Wo kriege ich die richtigen Nieten her?

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